Mehr zum Biederland

Die meisten Leute hier haben wohl das Gefühl, "rechtschaffen, aufrichtig und verlässlich, ehrenwert und anständig" zu sein. So sehen denn die meisten Dörfer und Kleinstädte der Region auch aus: rechtschaffen – aber langweilig; ehrenwert – die Gemeinheiten sind hinter den Fassaden versteckt; anständig – ein anständiges Haus hat ein beziegeltes Satteldach und ist grau.

 

Es gibt schöne Orte in Biederland: eindrückliche Ufer am grossen Fluss, Bäche, Tümpel und Weiher, wunderbare Hügel- und Berglandschaften. Auch schöne Häuser und Quartiere gibt es.

 

Es gibt hässliche Orte in Biederland: die grosse Strasse (Autobahn) mitten hindurch mit ihrer Kette von Logistikcentern (Lastwagenschwärmen), den Einkaufszentren (Autoschwärmen) und vielen Dorfausfahrten.

 

Doch das Meiste ist nicht besonders hässlich und nicht besonders schön – bieder eben, langweilig, grau und phantasielos. Es fällt nicht auf.

 

Kleinbauten

Aber manchmal hat es darin Perlen, wie in einer grauen Muschelschale. Ich liebe die "Kleinbauten": Öffentliche und private kleine Bauwerke, die einem bestimmten Zweck dienen: Bienenhaus, Wasserreservoir, Feuerwehrhäuschen, Wetterstation…

Viele davon, etwa die alten Feuerwehrhäuschen, werden nicht mehr benutzt, da es nicht mehr notwendig ist, in jedem Weiler einen Schlauchwagen zu deponieren. Oder sie erfüllen die Anforderungen der modernen Ausrüstung nicht mehr. Ähnlich wie Reservoirs und Trafostationen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden viele in einer repräsentativen Architektur im Kleinen erstellt – analog zu den "grossen Schwestern" der Zeit, den Post- und Kraftwerksbauten, die einen stolzen Staat verkörpern, als mehr Freiheit noch nicht mit weniger Staat gleichgesetzt wurde.

 

Idyllen und Totland

Gartenzwerge sind schrecklich. Aber die liebevollen Arrangements, das Hegen und Pflegen der kleinen Völker im Vorgarten kann einen anrühren. Und wenn das gleiche Engagement Pflanzen oder kunstgewerblichen Objekten dient, kann das auch zu kleinen Märchenlandschaften führen.

Kein Pardon kenne ich hingegen, wenn der Vorgarten, wie heute oft, mit gleichförmigen Steinbrocken eingedeckt wird, nur damit er möglichst wenig Arbeit macht. Mit einem attraktiven Steingarten hat das gar nichts zu tun, Totland eben. Dabei können solche paar Quadratmeter durchaus attraktive Flächen für Kleintiere und  deren Lebensraum sein – nicht ganz unbedeutend im Zeichen der bedrohten Biodiversität.

 

Kreisel

Biederland ist Kreiselland. Ich erinnere mich, dass Kreisel im Strassenverkehr verboten waren zu einer Zeit, als Autos schon längst im vielspurigen Kreisel um den Arc de Triomphe in Paris kurvten. Einmal erlaubt, holte die Schweiz auf. Fast jede Kreuzung wurde und wird in einen Kreisel verwandelt, wenn es der Platz erlaubt (und manchmal auch, wenn er das nicht tut). Aber damit ist es nicht getan. Wahrscheinlich mit dem Arc de Triomphe im Hinterkopf müssen Kreisel mit einem mehr oder weniger imposanten Zentrum geschmückt werden. Von der Trockenwiese bis zum Kampfbomber (der unterdessen durch einen kleinen Propellerflieger ersetzt wurde) findet man alles in den Inseln der Biederländer Strassenwelt.

Ich habe bis jetzt darauf verzichtet, welche zu fotografieren. Irgendwie finde ich sie dekadent, ein Schönheitspflaster (oft an ein Jekami gemahnend) auf der narbigen Strassenlandschaft.

Jürg Stauffer, Foto Gestaltung

St. Urbanstrasse 21

CH 4900 Langenthal

+41 79 641 19 94

juerg.stauffer@atelier-js.ch

  • Facebook
  • Instagram